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Das Gymnasium und die Bildungsgerechtigkeit


„Gymnasien drücken sich vor den echten Aufgaben im Bildungssystem wie Inklusion und Integration und gehören deshalb abgeschafft“

Immer wieder wird die Systemfrage gestellt. Gerade an Tagen, an denen die Abschlusszeugnisse vergeben werden (sowohl 10er Absachlüsse an Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Abitur oder Fachhochschulreife an Gymnasien und Gesamtschulen) kommen die Fragen: Warum gibt es Gymnasien? Ist mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit nicht mit einem einheitlichen Schulsystem besser zu erreichen? Drücken Gymnasien sich vor Aufgaben und sind nur zu bequem, sich mit den drängenden Themen wie Integration und Inklusion zu beschäftigen?

Viele dieser Fragen wurden in folgendem Dialog gestellt und von mir beantwortet. Der Dialog wurde nach meiner Wiederwahl als Vorsitzender der Rheinischen Direktorenvereinigung vor knapp zwei Jahren auf Facebook geführt und ich habe ihn eben gelesen und festgestellt, dass er immer noch wichtig ist.
(Wir vertreten mir der RhDV die Schulleiter:innen der Gymnasien aus den Bezirksregierungen Köln und Düsseldorf)

M.
Mein Glückwunsch, lieber Martin, mit der herzlichen Bitte, den Fokus nicht nur auf gymnasialen Bildung zu setzen, sondern auch auf ein chancengerechtes Bildungssystem!!

Martin Sina
Liebe M., das Gymnasium als DIE bildungsgerechte Leistungsschule nimmt selbstverständlich Bildungsgerechtigkeit immer sehr ernst. Und gegen alle Gerüchte: wir sind selbstverständlich inklusiv, fördern Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen oder ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund intensiv und passgenau usw. Allerdings sind wir eine einheitliche Schulform, die das Abitur zum Ziel hat und insofern nicht zieldifferent unterwegs. Nur so können wir den uns eigenen Bildungsauftrag der vertieften allgemeinen Bildung mit dem Ziel der Hochschulzugangsbefähigung (nicht nur Berechtigung!) erreichen. Man muss immer bedenken, dass die Gymnasien die beliebteste weiterführende Schulform in NRW sind (über 42% der Übergänge nach Klasse 5) und somit auch die höchste Heterogenität in ihrer Schülerschaft haben. Gleichzeitig sind bei uns die Ressourcen besonders eng: Schulsozialarbeit ist sehr zu unserem Verdruss Mangelware, Sonderpädagogen gibt es kaum, von IT und Verwaltungsassistenz brauchen wir gar nicht zu sprechen. Andererseits aber riesige Klassen in schlecht ausgestatteten Gebäuden mit maroder Infrastruktur und oft nicht vorhandenen schneller Internetanbindung. Wir haben aktuell im Schnitt über 30 Kinder in jeder Sek. I-Klasse sitzen!
Also: Das Gymnasium leistet seinen unverzichtbaren Beitrag zum chancengerechten, diskriminierungsfreien Bildungssystem. dies ist selbstverständliches Anliegen und tägliche Aufgabe.

M.
Danke auch für den Einsatz für bessere Rahmenbedingungen. Erlaube mir einen Einwand: Die hohe Heterogenität, die du beschreibst mit den vielen verschiedenen Bildungshintergründen der SchülerInnen braucht den weiten Blick auch auf das Erreichen ALLER Bildungsabschlüsse. Eine, wie ich zugeben, höchst anspruchsvolle Aufgabe.

Martin Sina
Wir vergeben diese, sie sind aber nicht unser Ziel.
Jeder andere Bildungsabschluss als das Abitur ist – so unschön sich das anhört – am Gymnasium in gewisser Weise ein Ausweis des Scheiterns.
Individualbiografisch ist das total in Ordnung, nicht jeder Mensch muss Abitur haben oder studieren (wer backt dann meine Brötchen und baut mir ne neue Heizung ein?) – aber unser Land braucht auch eine (noch ein schlimmes Wort) Bildungselite, die u.a. die Kinder ausbildet.
Nimmt man alle Abschlüsse gleichberechtigt als Ziel ins Auge, dann haben wir kein Gymnasium mehr sondern nur noch Gesamtschulen.
Das wäre unterm Strich erheblich teurer und gleichzeitig eine Garantie der maximalen Bildungsungerechtigkeit. Wir würden sofort zum angelsächischen System kommen und jeder, der es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf teure Privatschulen. Dann haben wir Elitenbildung nicht über Begabung und Fleiß, sondern über Herkunft und Geldbeutel. Für mich die schlimmste Horrorvision. Nein, ich bleibe dabei: Das gegliederte Schulsystem ist ein massiver Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit, weil es jedem unabhängig von Herkunft und Geldbeutel offen steht.
Wo wir unbedingt dran arbeiten müssen: Insbesondere in Grundschulen müssen noch viel stärker die bildungsfernen Elternhäuser in den Blick genommen werden, in der frühkindlichen Bildung brauchen wir eine verpflichtende Kindergartenzeit von m.E. 3 Jahren für alle Kinder, Erzieher:innen müssen viel besser ausgebildet werden und sehr viel mehr intentionale Bildungsarbeit machen (meine ersten beiden Enkelinnen sind gerade im Kindergarten und 2 meiner Kinder arbeiten als Erzieher:in – ich weiß da aus Anschauung durchaus, wovon ich spreche!). Das wir natürlich auch teuer, aber dieses Geld ist sehr gut investiert. Dann können wir als Gymnasium unseren Bildungsauftrag auch noch besser erfüllen. Und: ich persönlich plädiere ganz klar für eine flächendeckende Einführung der Ganztagsschule (da spreche ich aber nicht für meinen Verband, das ist meine private, aber gut begründete Meinung.)

Ergänzungen aus heutiger Sicht

Integration
Die Gymnasien tragen in NRW im Bereich der Integration mindestens den Anteil, der Ihnen an der Gesamtschülerschaft zukommt. In meiner Kommune, in Pulheim, erheblich darüber: die beiden Gymnasien haben 5 Sprachfördergruppen, die beiden anderen Sek. I Schulen nur jeweils eine. Im Land NRW verbleiben nun, nach 2 Jahren Krieg in der Ukraine und somit einer ganz großen Zahl von Schüler:innen, deren Erstförderung nun endet, viele Kinder auf dem Gymnasium und werden nicht „abgeschult“, was uns vorgeworfen wird.
Konkret in der Bezirksregierung Köln verbleiben ca. 50% der Kinder auf dem Gymnasium – das liegt sogar über der Übertrittsquote nach der Grundschule!
An meiner eigenen Schule verbleiben 60% am Gymnasium, gehen also nach Erstförderung in den gymnasialen Bildungsgang über. Wir werden diese Kinder in den nächsten Jahren behutsam weiter fördern und ihnen einen guten Weg im Gymnasium ermöglichen. Laufen müssen sie alleine, aber wir können zumindest an viele Steine Leiter stellen oder Rampen bauen. Das werden wir in den nächsten Jahren mit Herzblut weiterverfolgen. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass dies ein Erfolg wird.
Die anderen Kinder wechseln zur Hälfte auf Realschule (oder in einem Fall auf die Gesamtschule) und auf das Berufskolleg, weil sie kurz vor dem mittleren Schulabschluss stehen.

Inklusion
Selbstverständlich sind Gymnasien inklusive Schulen. Von den insgesamt 7 Förderschwerpunkten (Lernen,
Sprache, Emotionale und soziale Entwicklung, Hören und Kommunikation, Sehen, Geistige Entwicklung, Körperliche und motorische Entwicklung.) werden an Gymnasien 5 beschult. Lediglich die Förderschwerpunkte „Lernen“ und „Geistige Entwicklung“ nicht. An Gesamtschulen übrigens wird der Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ i.d.R. auch nicht beschult.
Gymnasien drücken sich keineswegs vor der Inklusion, sie sind nur natürlich keine Förderorte für Kinder, die das Abitur nicht erreichen können. Dies gilt völlig unabhängig von einer Behinderung und ist somit alles andere als diskriminierend.

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