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Naked Bike – warum ich kein E-Bike fahre

Wer mit mir wandern geht, wird immer mal wieder ein genervtes oder auch verächtliches „E-Bike“ hören, wenn mal wieder Menschen auf elektrisch unterstützten Fahrrädern unterwegs sind. In den letzten Tagen sind mir ein mehrfach Aussagen begegnet, die mich dazu bewogen haben, meine Gedanken zum Phänomen E-Bike einmal aufzuschreiben.

E-Bikes sind nicht an sich böse.

Es gibt gute Gründe für die Verwendung eines elektrisch unterstützten Fahrrades.

Medizinisches und Ökologisches
Mein Vater fährt 10.000 km im Jahr auf seinem Elektrofahrrad, er hat mittlerweile sein drittes, die anderen hat er wirklich verschlissen. Vorher hat er kurz ein Saxonette mit Hilfsmotor gehabt, als er mit ca. 60 Jahren wegen eines Herzproblems nicht mehr mit seinen geliebten normalen Fahrrädern fahren konnte.
Ohne E-Bike würden viele Menschen mehr Auto fahren, sich weniger bewegen, die gesellschaftlichen Kosten der E-Bikes sind vermutlich durchaus positiv.

„Demokratisierung“
Viel mehr Menschen fahren auf einmal Rad!
Der Preis ist allerdings hoch. 3.000 – 5.000 € sind leicht erreicht, hochwertige E-MTB knacken auch deutlich die 10.000 €-Marke.
Gut, das schafft man mit einem aktuellen Bio-Rennrad oder MTB auch, das Unverständnis ist in der Gesellschaft bei diesen meist erheblich höher:
Gespräch beim Anblick eines leichten, modernen Carbon- Rennrades (7,5 kg, elektrische Schaltung etc.)
„Was kostet denn so Räder?“ – „ca. 2500 €“
„Waas? So teuer? da hab ich für die ganze Familie Fahrräder für gekauft!“ – „Nee, nicht das Rad, nur Vorder- und Hinterrad – ohne Reifen, Bremsscheiben, Kassette, das komplette Fahrrad kostet 7500 €“
„…“ – Ende des Gesprächs.

Ausgleich resp. Gerechtigkeit
In unserem MTB-Team gibt es einige Menschen, die nicht mehr die Touren mit 1500 oder mehr Höhenmetern auf den von uns meist verwendeten, relativ schweren Trail- oder Endurobikes mitfahren können. Um weiter gemeinsam Biken zu können sind E-Bikes eine tolle Unterstützung.
Aber bitte unter Einhaltung bestimmter Verhaltensregeln, siehe weiter unten!

Alltagstauglichkeit
Mit einem E-Bike kann man auch leichte Steigungen oder Gegenwind (der Wind ist der Berg des Holländers) ohne allzu große Anstrengung bewältigen und der Weg zur Arbeit in verlässlicher Zeit und manchmal sogar ohne die Duschnotwendigkeit erledigt werden.

„Support your local dealer“
E-Bikes sind in Technik und Wartung so aufwändig, dass Vieles sich nicht oder kaum zu Hause selbst reparieren oder warten lässt. Gleichzeitig sind E-Bike-Besitzer schon wegen des hohen Preises ihres Fahrzeugs auch geneigt, höhere Wartungskosten zu zahlen.
Das E-Bike ist somit die optimale Unterstützungsmaßnahme für den lokalen Fahrradhandel.

Neues Entdecken
E-Bikes, insbesondere E-MTB ermöglichen einen ganz anderen Radius und man kann in den richtigen Revieren auf einmal neue Ziele ansteuern.

Lift einsparen
Im Downhill-orientierten MTB-Sport ist mittlerweile die Nutzung von Liften weit verbreitet. Lifte benötigen aber selbst viel Energie und an vielen Orten gibt es auch (noch) keine.
E-MTB ermöglichen es, deutlich mehr Tiefenmeter am Tag zu fahren ohne das man dazu einen Lift benötigt. Zusätzlich ist durch geringere Erschöpfung am Gipfel ein Sicherheitsgewinn in der Abfahrt zu postulieren.

Aber…

Demokratisierung
Fahrräder waren über 100 Jahre lang in vielen Regionen der Welt DAS Werkzeug zur Mobilisierung der Massen: Billig, robust, leicht zu reparieren, verfügbar, multifunktionell einsetzbar.
E-Bikes sind ganz und gar kein geeignetes Werkzeug zur Demokratisierung der Fortbewegung, sie sind in Realtion zum indischen oder chinesischen einfach-und-robust-Rad ein relativ dekadentes Luxusprodukt, insbesondere in den besonders teuren Ausführungen der Enduro-MTBs und der vielbeschriebenen und sogar verspotteten E-Lastenräder, mit denen dann doch nur die Kinder zum Kindergarten transportiert werden.
Erst als Alternative zu Kraftfahrzeugen wird ein Schuh draus: wenn das elektrisch unterstützte Lastenrad tatsächlich ein Auto ersetzt, dann wird aus Dekadenz Fortschritt.
(@John: Und selbstverständlich ist ein aktuelles Rennrad der High-End-Klasse im fünfstelligen Preissegment die wahre Dekadenz!)

Ausgleich resp. Gerechtigkeit
In einer Gruppe aus Bio- und E-Bikern kann man prima zusammen unterwegs sein, wenn alle sich an bestimmte Regeln halten. Und das sind z.B. folgende:
– E-Biker fahren niemals bergauf vorne, sondern unterstützt vielmehr moralisch die Langsamen.
– E-Biker nehmen bergab im technischen Gelände ebenfalls Rücksicht auf die Bio-Biker, die oft wegen des geringeren Gewichts ihrer Räder in technisch anspruchsvollen Passagen leichtfüßiger unterwegs sind.
– E-Biker beherrschen ihr Rad genauso gut wie Bio-Biker. Oder bleiben zu Hause. Beherrschen heißt: sie können z.B. bremsen, ohne Spuren zu hinterlassen, sie können alles, was sie hochfahren, auch wieder runterfahren. Oder fahren erst gar nicht hoch. Kenne deine Grenzen!
Und: Das E-Bike ist auf Unterstützung bis 25 km/h begrenzt. Im Gelände funktioniert das oft gut, wirklich fitte Bio-Biker bringen aber zumindest Cross-Country E-Biker zum Weinen, auf der Straße geht es nicht mehr. Wenn ich mit meinem Vater zusammen fahre, muss ich bergauf kämpfen (das macht Spaß!), flach oder leicht bergab, besonders bei geringen Steigungsprozenten zwischen -2 und +2 % bin ich erheblich schneller. Da wird das Zusammenfahren durch den permanenten Kontrollblick auf den Geschwindigkeitsmesser ziemlich unentspannt.

Es gibt aber auch auch ein paar spezifische Probleme, die mir mächtig auf den Zeiger gehen und der Auslöser für diesen Text sind.

Es gibt so viele!
Und die haben (oft) keine Ahnung!
Man begegnet auf einmal im Wald Horden von Menschen auf Fahrrädern, die viel zu warm angezogen sind, am besten noch ein Radio laut laufen haben, zu dritt nebeneinander fahren und selbstverständlich davon ausgehen, dass Wanderer ihnen Platz machen.
Menschen, die sich ganz neu mit Fahrrädern bewegen, seit ihrer Jugend nicht mehr auf einem gesessen haben.
Laut genug, um rechtzeitig gehört zu werden, sind sie ja (Breite Reifen! Laute Motoren! Radio! Quatschen!).
Bio-Biker schnaufen bergauf nur, haben keine Luft zum Reden und haben nach jahrelanger MTB-ErFAHRung die DIMB-Trailrules total verinnerlicht (Hinterlasse keine Spuren! Wanderer haben immer Vorrang! etc.)
Ja, ich weiß: nicht jedeR MTBler verhält sich vorbildlich. Aber sehr viele. Manche haben sogar Klingeln. Am liebsten die Swiss Trail Bell, die zaubert dem freundlichen Wanderer immer ein Lächeln auf’s Gesicht.

E-Biker gefährden sich und andere.
Manchmal.
Im Allgäu habe ich mehrfach beobachtet, wie E-Biker zu Hütten fahren, die ich auf meinem Bio-Bike nur mit höchster Anstrengung erreiche. Dann werden oben 1,2,3 Bier genommen und der Rückweg angetreten. Und plötzlich wird realisiert, dass der Weg über 20% Gefälle auf Schotter hat, das Rad beim Bremsen übers Vorderrad schiebt. Stürze und Verletzungen sind die Folge, die Einsätze der Bergwart haben im Sommer massiv zugenommen.
Auch ein im Allgäu beobachtetes Phänomen: Weidegatter werden zerstört. Auf einer MTB-Tour im Allgäu hebt man sein Rad gerne mal 30-40 Mal über ein teils brusthohes Gatter. Das ist mit einem 24 kg schweren E-Bike natürlich kaum möglich.

Jugendliche E-Biker
Gerade in Urlaubsregionen sehe ich immer mehr Jugendliche auf E-Bikes. Auf Ameland konnte ich in diesem Frühjahr beobachten, dass man offenbar gar keine normalen Fahrräder mehr ausleihen kann, zumindest, wenn man die entgegenkommenden betrachtet.
Dass Radfahren auch etwas mit Anstrengung, Sport, schwitzen zu tun hat, dass das Naturerleben mit Gegen- und Rückenwind ganz unterschiedlich ist, wird so nicht erfahren.
Wir werden immer bequemer, das E-Bike kann auch die Einstiegsdroge zum motorisierten Individualverkehr sein.

E-Bikes sind kompliziert
Ich kann an meinen Fahrrädern nahezu alles selbst warten. Und ich habe durchaus anspruchsvolle Technik im Keller, sicher 6 verschiedene Tretlagerstandards, Schaltungen von 9-12 Ritzeln, hydraulische Bremsen usw. Elektrische Schaltungen sind schon etwas grenzwertig, bis jetzt habe ich aber auch an denen alles hinbekommen.
Bei einem E-Bike sieht das ganz anders aus. Da braucht es Spezialisten, um die Updates einzuspielen, die Motorsteuerung zuwarten, Batterie- und Motordefekte zu beheben.
Es geht die charmante Einfachheit des Verkehrsmittels Fahrrad verloren. Das ist aber ehrlicherweise kein E-Bike-Alleinstellungsmerkmal, mein aktuelles Rennrad ist auch alles andere als „einfach“.

E-Biker-Fake-News

Wir sind mit einer Gruppe gemeinsam unterwegs, ich fahre einigermaßen zügig mit einem E-Biker gemeinsam den Berg hoch. Der Kollege ist schlecht im Training, übergewichtig, warm angezogen. Selbst bin ich kaum in der Lage, einen sinnvollen Satz herauszustoßen.
Da erzählt mir der Kollege, dass er sich genauso anstrengen muss, dass E-Bike-Fahren genauso Sport ist wie Bio-Bike-Fahren.
Dass er ja ohnehin nur auf der geringsten Unterstützungsstufe fährt.
Dass die Unterstützung ja nur den Gewichtsnachteil ausgleicht.
Hallo?!
Warum fährst du dann nicht Bio-Bike?
Das typische E-Bike unterstützt auf kleinster Stufe mit soviel Watt, wie ich insgesamt im Durchschnitt auf ner Tour trete!
Also, liebe E-Biker: hört auf mit diesem Märchen! Ich habe es dieses Jahr schon vier- oder fünfmal gehört. Würde mir große Freude machen, wenn ich das nicht mehr hören müsste. Ansonsten: lasst uns bergauf tauschen und dann gucken wir mal, wie sich das anfühlt. Ich komme auch gerne mit meiner 9 kg-Carbonrakete.

Und jetzt?

Vielleicht werde ich irgendwann so alt, dass ich mir selbst ein E-Bike kaufe.
Wenn ich einen anderen Arbeitsweg hätte, würde ich sicher drüber nachdenken.
Solange ich aber noch alleine fahren kann, genieße ich die einfache, selbst reparierbare, robuste Technik.
Mit dem Reiserad 100 km / Tag zu fahren wird mit E-Bike schwierig. Wie oft konnten wir schon drei Tage unsere Handys nicht aufladen. Da dann die Suche nach der Steckdose für’s Rad wäre zusätzlicher Stress. Genau das, was ich im Urlaub am aller wenigsten brauchen kann. Und gerade auf Radreisen brauchen wir auch kein E-Bike zum Konditionsausgleich, das erledigen wir einfach durch die Gepäckverteilung.
Also: weiter stressfrei ohne Strom. Als langjähriger GPS-Nutzer habe ich auch immer eine Papierkarte dabei, sonst fühle ich mich nackt. Mit dem E-Bike würde ich mich nackt fühlen, wenn ich es hätte.



Ein Gedanke zu „Naked Bike – warum ich kein E-Bike fahre“

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