Der Regenbogen und meine (?) Kirche

Die Pfarrei St. Martin Euskirchen, meine Pfarrei, hat im Zusammenhang mit dem Spiel Deutschland – Ungarn ihr Facebook-Profilbild in Regenbogenfarben gefärbt. Da habe ich mich richtig drüber aufgeregt. So sehr, dass mit das immer noch beschäftigt und ich das jetzt hier mal aufdröseln will. Dabei hatte ich selbst mein Profilbild mit einem Regenbogen geschmückt.

(Beitrag aktualisiert am 11.07.2021, ms)

Der Regenbogen hat im jüdisch-christlichen Kontext eine sehr alte Bedeutung: In der Sintflut-Erzählung (Gen 6-9) stellt Gott am Ende, nach der Errettung von Noah, seiner Familie und den Tieren auf der Arche seinen Bogen in die Wolken als Zeichen des Bundes und Versprechen, dass er nie mehr eine Sintflut schicken wird. Nie mehr, egal, was die Menschen auch Dummes anstellen.

Die Geschichte ist eine Geschichte des Bundes Gottes mit den Menschen: Gott ist in dieser uralten Geschichte lernfähig, aber auf Gott ist unbedingt Verlass. Er verspricht, nie mehr so zornig auf die Menschheit zu sein. Die Geschichte ist eine Ätiologie, also die Erzählung einer erlebten Wirklichkeit als einer gewordenen, von Gott gemachten. Wir finden in vielen Religionen auf der Welt Geschichten und Mythen von Sintfluten, also Erfahrungen, die einer Deutung bedurften.

Die LGBTQ-Community hat schon seit Jahrzehnten den Regenbogen als Symbol der Vielfalt und Diversität für sich entdeckt. Der Kampf um die Anerkennung der Rechte von Homosexuellen ist seit über 50 Jahren deutlich sichtbar, der von 1872 stammende § 175, der sexuelle Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde erst 1994 abgeschafft! Heute sind homosexuelle Menschen als Realität in der Gesellschaft angekommen, in vielen Familien existieren ganz selbstverständlich Menschen, die nicht in die schlichten Formeln und Formen der scheinbar vorhandenen heterosexuellen Norm passen. Diese tägliche Sichtbarkeit führte an vielen Stellen zu einer Akzeptanz, so dass nicht binäre Lebensweisen viel stärker sichtbar und angenommen sind als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Die ungarische Regierung hat nun ein Gesetz erlassen, dass die Information über Homosexualität unter Strafe stellt. Dieses Gesetz hat in ganz Europa zu massiven Protesten geführt. Die UEFA hat der Stadt München untersagt, die Allianz-Arena in Regenbogenfarben zu beleuchten, da dies eine politische Aussage sei und Fußball unpolitisch ist. Ob Gazprom, chinesische (Staats-)Sponsoren oder Katar als Sponsoren unproblematischer sind, will ich jetzt hier nicht erörtern.

Die Reaktion auf das Verbot der UEFA in ganz Deutschland war, dass viele Fußballstadien und andere Gebäude während des Deutschland-Ungarn-Spiels in den Farben des Regenbogens angestrahlt wurden und viele Menschen ihre Profilbilder mit Regenbogenfarben schmückten als Zeichen dafür, dass sie keine Ausgrenzung anderer Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu akzeptieren bereit sind.

Auch die Stadtpfarrei Euskirchen hat ihre Facebook-Profilbilder jeweils mit einem Regenbogen geschmückt.

Ist doch total gut, oder?

Nein!

Ist ziemlich verlogen!

Die katholische (römische Amts-)Kirche hat in Form eines „Responsum ad dubitum“ (Antwort auf einen Zweifel) im März 2021 klargestellt, dass sie nicht die Vollmacht habe, Verbindungen Personen gleichen Geschlechts zu segnen. Diese widersprechen dem göttlichen Willen. Viele Gemeinden haben daraufhin in einem Akt des Ungehorsams die Regenbogenflagge gehisst und Termine für Segnungen homosexueller Paare bekannt gegeben.

In Euskirchen gab es so viele Anfragen an die Gemeindeleitung, ob man sich an diesen Protest nicht anschließen wolle, ja müsse, ob man nicht auch Segnungsfeiern anbieten wolle, so dass man sich zu einer Reaktion entschloss.

In einer windelweichen Erklärung wird zunächst beschrieben, dass man sich nicht einigen konnte (!). Die Diversität der Meinungen innerhalb des Pastoralteams wird so scheinbar über die Diversität der Menschen gestellt, mal wieder eine traurige Illustration des Top-Down-Denkens innerhalb klerikaler Strukturen. Dann wird ein Minimalkonsens, dass „niemanden wegen religiöser, sozialer, politischer oder sexueller Ausrichtung, wegen der Hautfarbe oder Nationalität“ diskriminiert werden solle, dargestellt. Hieraus wird dann eine Fahnenbastelaktion gemacht, bei der eine Regenbogenfahne mit den Handabdrücken vieler Menschen geschmückt und schließlich vor der Herz-Jesu-Kirche aufgehängt wurde. Dazu gibt es ein Video bei YouTube. Der Text, der zur Aktion verlesen wird lautet: „Auf der Fahne ist der Regenbogen sichtbar, ein Zeichen für den Bund zwischen Gott und allen Menschen. Diesen Bund hat Gott gestiftet und der ist nicht trennbar. Gott ist und bleibt bei und für alle Menschen. Egal ob schwarz oder weiß, gelb oder rot, jung oder alt, gesund oder krank. Der Regenbogen als Bundeszeichen zwischen Gott und uns Menschen besteht für alle Zeit.“
https://www.youtube.com/watch?v=ZSTNCKf1fm0 
Die Sexuelle Diversität ist hier bereits wieder auf wundersame Weise verschwunden!

Man erklärt also, dass niemanden auf Grund seiner sexuellen Ausrichtung diskriminiert werden darf. Weigert sich aber gleichzeitig, Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen leben möchten und können, zu segnen. Ist da vielleicht ein kleiner Widerspruch? Und warum regt mich das alles so auf?

Nehmen wir erstens an, dass es Gott gibt und zweitens, dass Gott Gutes im Schilde führt, also Segen, vgl. das Ende der Sintflut-Geschichte. Und später brauchen wir noch eine dritte Annahme, dass Gott der Schöpfergott ist, der Urgrund allen Seins und Seienden.

Gottes Segen kommt von Gott. Die Reaktion des Menschen hierauf ist Annahme oder Ablehnung. Menschen können anderen Mittler des Segens sein, indem sie diesen den Segen wünschen. Sie können aber nicht Gottes Segen erzeugen. Sie können auch nicht Gottes Segen spenden, da sie gar nicht über diesen Segen verfügen. Gott spricht allen Menschen seinen Segen als Angebot zu. Die Kirche hat schlicht nicht das Recht, Segen zu verweigern! Der Segen ist als Gottes Angebot immer da. Menschen können dieses durch ihr Handeln annehmen oder auch ausschlagen, ein gesegnetes Leben, ein gutes Leben führen.

Menschen können anderen ein Segen sein.

Aber was in der Kirche passiert, in Sakramenten, Sakramentalien und Segenszeremonien ist die Feier des Bundes Gottes mit den Menschen. Die Kirche kann Gottes Segen, Gottes Bund den Menschen nicht verwehren. Sie kann nur sich selbst außerhalb des Bundes Gottes mit den Menschen stellen, indem sie die Feier des Segens einer gesegneten Beziehung, eines gesegneten Lebens, verweigert.

Nochmal ganz konkret: Ein Paar, das in Treue und Liebe zueinander steht und aufeinander achtet in guten wie in schlechten Tagen, das Verlässlichkeit und Vertrauen lebt und einander erfahrbar macht, das einander Segen ist: Dieses Paar ist von Gott gesegnet, denn Gott hat als Schöpfer alle Menschen „auf dem Gewissen“. Wie können sich Menschen erdreisten, Gottes Schöpfung da in Frage zu stellen, wo sie sie selbst nicht verstehen und akzeptieren können? Wie können sie sich erdreisten, Gottes Willen exklusiv zu erkennen und zu kennen? Wie können sie sich erdreisten, die Feier des Segens zu verweigern?

Die Kirche, meine Kirche, stellt sich damit außerhalb des Bundes. Sie erkennt nicht die Vielfalt der Schöpfung und auch die Vielfalt Gottes an. In Gen 1 wird im ersten Schöpfungsbericht, der bereits eine theologische Reflexion des Schöpfergedankens darstellt, ausgeführt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, als Mann und Frau schuf er sie. Also Plural, Beziehung, miteinander. Und ich vermag nicht zu erkennen, dass es sich hier um eine abschließende Aufzählung handelt, sondern vielmehr um eine Ausweitung einfacherer und gedanklich engerer älterer Mythen.

Mal ganz ketzerisch und andersherum gedacht: Was würde denn passieren, wenn Gott tatsächlich was gegen homosexuellen Sex hätte und die Kirche diesen segnet? Der Segen wäre schlicht unwirksam, da es sich dann ja nicht um eine gesegnete Beziehung handeln würde. Die Kirche hat so viele unselige Dinge und Handlungen gesegnet und dies überlebt, dass hier die Gefahr gering scheint, dass Gott die Kirche hierfür zur Rechenschaft ziehen würde. Und: man geht heute von 5-10 % nicht heterosexueller Menschen aus. Es handelt sich dabei um zwar unsichere Zahlen, aber definitiv um keine winzige Randgruppe! Wenn das falsch ist, wieso sollte Gott dann einen solchen Konstruktionsfehler in seiner Schöpfung eingebaut haben?

Interessanterweise deckt der Regenbogen zwar das gesamte elektromagnetische Spektrum des sichtbaren Lichts zwischen ca. 400 und 680 nm ab – dies sind aber mitnichten alle Farben, die das menschliche Auge sehen kann. Neben metallischen Reflexen wie Silber, Gold und Kupferfarben werden auch Farben wie Magenta oder sogar Braun, Schwarz und Grau nicht vom Regenbogen abdeckt: dabei handelt es sich um Mischfarben und um Komplementärfarben, die z.B. durch subtraktive Farbmischung dargestellt werden können. Also taugt der Regenbogen zwar als Symbol für Vielfalt, bildet diese aber nicht wollständig ab. Insofern könnte gerade der Regenbogen auch ausgezeichnet dazu dienen, begründet mit den verzweifelten Versuchen Schluss zu machen, durch eine immer längere Buchstabenkette des LGBTQ wirklich alle Möglichkeiten menschlicher sexueller und körperlicher Identität zu erfassen.

Letztlich sind wir alle Individuen, einzigartig, doch verbunden in der Zugehörigkeit zur Menschheit. Und alle unter Gottes Bogen gestellt, alle gesegnet in unserer Existenz. Gottes Gebote und Verheißungen gelten für alle Menschen. Ausnahmslos. Und auch unabhängig von unseren Handlungen: das Versprechen des Bundes geht von Gott aus und kann und wird von Gott nicht zurückgenommen werden. Die Antwort des Menschen hingegen ist frei. Der Mensch kann das Bundesangebot annehmen und ein gutes Leben führen. Er kann das Bundesangebot ablehnen. Er kann sich so verhalten, dass er selbst kein Segen für andere ist. Aber er kann nicht anderen Menschen Gottes Segen verwehren. Dieser kommt von Gott, nicht vom Menschen.

Und unser Glaube an den dreifaltigen Gott ist genauso ein Symbol wie der Regenbogen: so wie dieser nicht alle Farben beinhaltet kann das Bild der Dreifaltigkeit nicht die volle Realität Gottes abbilden.

Ich habe jetzt die ganze Zeit den Begriff Kirche im Sinne der römisch-katholischen Amtskirche verwendet. Ich bin mir sehr bewusst, dass das nur ein Aspekt und nicht immer der sympathischste der Kirche ist. Letztlich sind wir Kirche. Die Gläubigen sind Ekklesia, die Herausgerufenen, die Versammlung des pilgernden Gottesvolkes. Wir sollten Gottes Segen annehmen. Wir sollten Segen sein, segnen durch unser Tun. Und meine Kirche, meine Amtskirche, sollte das auch tun. Sonst bin ich bald nicht mehr Teil dieser Amtskirche, sondern nur noch ein Christgläubiger auf der Suche nach einer Gemeinschaft der Glaubenden, die den Mut hat, zu tun, was nötig ist.

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